09. Juni 2026 Autor: Lisa-Marie Trothe
Sein Vater Manfred und er haben das BTZ Bernburg über Jahrzehnte geprägt und technische Bildung konsequent mit Praxis, Persönlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung verbunden. Seine Verbindung zur SLV Halle GmbH reicht dabei bis in die 1980er Jahre zurück. Im Gespräch spricht Dr. Jens Kramersmeyer über sein Bildungsverständnis, lebenslanges Lernen und warum Bildung mehr leisten muss als reinen Wissenstransfer.
Im Juni 2026 hat sich der Standortleiter Bernburg der SLV Halle GmbH verabschiedet und die Verantwortung für die gewerblich-technische Verbundausbildung in der Region an Sven Noack übergeben, der ab sofort neuer Betriebstättenleiter des BTZ Bernburgs ist. Wir haben nachgefragt.
Die Verbundausbildung in Bernburg haben wir den Visionen und Erfahrungen Ihres Vaters und Ihrem Bildungsmanagement zu verdanken. Welchen Stellenwert nimmt Bildung für Sie ein?
Dr. Jens Kramersmeyer: Bildung ist unsere wichtigste Ressource. Mein innerer Antrieb war immer, Menschen und vor allem Jugendlichen Wissen, Orientierung und Sinn zu geben. Ich habe mich mein ganzes Berufsleben gefragt: Wie schaffen wir wieder mehr Lust auf Bildung und Technik?
Das BTZ steht für Bildung, Training, Zukunft, und Zukunft entsteht dort, wo Menschen anfangen zu verstehen, warum etwas wichtig ist. Das gilt für Schweißtechnik genauso wie für das gesellschaftliche Miteinander.
Einer meiner persönlichen Leitsprüche lautet deshalb auch: „Vision. Mission. Impact.“ Mein Vater hatte damals die Vision für das BTZ. Ich habe später die Mission übernommen und gemeinsam haben wir daraus Impact geschaffen, der bis heute in der Verbundausbildung und Kooperationen mit dem Campus Technicus wirkt.
Mittlerweile bildet kaum ein Unternehmen noch vollständig allein aus. Die Industrieunternehmen aus der Region Bernburg vertrauen uns ihre Auszubildenden an oder übergeben Teile der praktischen Ausbildung an uns. Wir bündeln Technik, Werkstätten, Fachpersonal und Erfahrung an einem Ort.
Aber Verbundausbildung bedeutet für mich mehr als Maschinen oder Lehrpläne. Es geht um gegenseitigen Respekt, Vertrauen und soziale Entwicklung. Fachkräfte entstehen nicht allein durch Theorie. Sie entstehen in Gemeinschaft. Deshalb legen wir heute bewusst Wert auf soziale Kompetenzen wie Pünktlichkeit, Umgangsformen und gegenseitige Verantwortung.
Wie kam es zur Übernahme des BTZ durch die SLV Halle GmbH?
Das BTZ Bernburg war für mich immer ein Ort, an dem Theorie und Praxis zusammenkommen. Genau das brauchen wir in der Bildung: echte Anwendungen, echte Werkstätten und echte Menschen.
Als ich mich 2022 schweren Herzens den gesellschaftlichen Entwicklungen und Notwendigkeiten folgend für eine Übernahme entscheiden musste, fiel mir die Wahl auf die SLV Halle GmbH leicht. Beide Unternehmen verbindet derselbe Grundgedanke: Fachkräfte entstehen nicht allein durch Theorie. Sie entstehen durch Handeln, Erfahrung, Vertrauen und gemeinsames Lernen.
Ihre Verbindung zur SLV Halle GmbH begann deutlich früher als viele vermuten…
Ja, tatsächlich hatte ich meine ersten Berührungspunkte schon 1985 in meiner Ausbildung zum Baufacharbeiter mit Abitur. Im Rahmen einer Hausarbeit war ich regelmäßig bei der SLV Halle GmbH, damals noch unter ZIS Halle GmbH bekannt, und habe praktische Erfahrungen gesammelt. Wir hatten das Projekt „Betonschmelzschneiden“. Die Idee war: Wenn man Stahl schmelzen kann, müsste das vielleicht auch mit Beton funktionieren. Verrückte Ideen eben. Aber aus verrückten Ideen entstehen manchmal die spannendsten Entwicklungen.
Später habe ich dann bei der Ilbau AG in Berlin gearbeitet. Auch da gab es immer wieder Berührungspunkte mit der SLV Halle GmbH. Seinerzeit wusste ich natürlich noch nicht, dass ich selbst einmal Teil dieses Unternehmens werde. Witzig, eigentlich.
Naja, nach Berlin bin ich als Bereichsleiter nach Moskau gegangen und habe dort mehrere Großbaustellen begleitet. Es ist immer schon mein Traum gewesen, im Ausland tätig zu sein. Russland hat mich fachlich und menschlich stark geprägt. Die Zusammenarbeit war intensiv. Dort musste oft schnell entschieden und eine effiziente, kostengünstige Lösung gefunden werden. Da brauchte der Bauleiter einen Kran und ich musste einen finden, der für Russland zertifiziert war. Das waren gar nicht mal so viele wie man meinen mag, Liebherr hatte beispielsweise nur drei zugelassene Typen von Turmdrehkranen. Diese Zeit hat mir gezeigt, wie wichtig Pragmatismus, Verhandlungsgeschick und technisches Verständnis sind. Vielleicht bin ich deshalb bis heute überzeugt: Bildung darf nicht weltfremd sein. Sie muss Menschen befähigen, reale Probleme zu lösen.
Wie setzen Sie dieses Bildungsverständnis konkret in der Verbundausbildung um?
Bildung, genau wie Technik, muss in der Lebenswelt der Menschen stattfinden, sonst bleibt sie abstrakt. Jugendliche fragen sich oft: „Warum lerne ich das überhaupt?“ Genau dort beginnt unser Auftrag, für Bildung und Technik zu sensibilisieren.
Das Gehirn funktioniert nur gut, wenn es einen Sinn erkennt. Erst dann investiert es Energie. Bildung muss deshalb folgende Fragen beantworten: Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Wenn kein Bezug zur eigenen Lebenswelt da ist, schaltet es ab. Deshalb reicht Frontalunterricht allein nicht mehr aus. Jugendliche haben heutzutage unglaublich viel Zugang zu Informationen und Technik, gleichzeitig nehmen Face-to-Face-Interaktionen ab. Genau deshalb müssen wir Bildungsprozesse neu denken.
Um Jugendlichen Technik und Bildung näher zu bringen, müssen wir ihre Lebenswelten verstehen und klare Ziele definieren. Dazu gehe ich gerne in folgenden Schritten vor: Input, Prozess und Output. Zuerst setzen die Ausbilder und ich uns das Lernziel für unsere Azubis. Dann analysieren wir den Input. Also: Welche Voraussetzungen, Erfahrungen und Bedürfnisse bringen sie mit? Danach gestalten wir den Bildungsprozess individuell dazu und am Ende prüfen wir gemeinsam den Output: Haben wir das ursprüngliche Ziel wirklich erreicht?
Das erklärt wahrscheinlich auch den Erfolg von Projekten wie „Über.Flieger“?
Genau. Das Projekt bündelt eigentlich alles, was ich unter gutem Bildungsmanagement verstehe. Lehrer Robin Seitenglanz vom Campus Technicus und unser Ausbilder Dirk Wienicke haben die jungen Menschen begleitet, als sie ihr eigenes Flugzeug mit 3D-Druck erst konstruiert und dann angefertigt haben. Sie konnten dabei MINT-Fächer mit Praxis verbinden und Technik ganzheitlich erleben.
Die Grundlage dafür wurde eigentlich schon viel früher gelegt. Gemeinsam mit meinem Freund Holger Köhncke habe ich den Campus Technicus Bernburg im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2010 mitentwickelt. Damals gab es viel Gegenwind, weil mehrere Schulen im Zentrum Bernburgs zusammengeführt werden sollten. Wir wollten, dass die Kinder direkt in der Stadt sind und nicht wortwörtlich am Rand der Gesellschaft stehen. Außerdem wollten wir Kräfte bündeln und den Schülerinnen und Schülern die bestmögliche Ausstattung bieten. Wie jeder weiß, kostet gute Technik Geld und da waren drei Standorte einfach nicht realistisch. Heute ist der Campus Technicus die größte Sekundarschule Sachsen-Anhalts. Manchmal muss man ausdauernd gegen den Strom schwimmen, um etwas zu bewegen.
Wie kamen Sie auf den Ansatz, technische Bildung so praxisnah zu denken?
Man könnte sagen: Andere sammeln Briefmarken, ich sammle Bildungsmodelle. Ich schaue immer, was andere Länder machen. Wie sieht ihr Bildungssystem aus? Was funktioniert? Was begeistert junge Menschen wirklich?
Das Über.Flieger-Projekt basiert beispielsweise auf dem sogenannten Phänomen-basierten Lernen aus Finnland. Nicht einzelne Schulfächer stehen im Mittelpunkt, sondern reale Fragestellungen. Das ist wie im echten Leben. Dort kommt ja auch niemand und sagt: „Jetzt bitte nur Mathematik für 45 Minuten.“
Wer Bildung gestalten will, muss verstehen, wie Menschen wirklich lernen. Um meine Kompetenz hier zu vertiefen, habe ich 2006 Bildungsmanagement an der OvGU Magdeburg studiert und 2015 unter der Federführung von Prof. Klaus Jenewein im Fachbereich Berufsbildung und Personalentwicklung promoviert. Mein Forschungsthema war die nachhaltige Sensibilisierung von Jugendlichen für technische Bildung.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft technischer Bildung?
Mehr Mut. Mehr Struktur. Mehr Vertrauen. Mehr Begeisterung.
Wir müssen Bildung, inklusive technischer Bildung, wieder attraktiver gestalten und stärker mit dem echten Leben verbinden. Digitalisierung und KI sind dafür Werkzeuge, aber sie ersetzen nicht Denken und Handeln. Zentral bleibt die Frage: Wer wollen wir sein?
Wenn junge Menschen Technik als Möglichkeit erleben, statt als Pflichtfach, dann kann etwas Nachhaltiges entstehen. Dann wachsen nicht nur Kompetenzen, sondern auch Fähigkeiten, Persönlichkeit und Verantwortung.
Oder wie es frei nach Goethe heißt: Bildung sollte Menschen Wurzeln und Flügel geben. Wurzeln für Haltung und Orientierung, Flügel für Mut und Selbstständigkeit.
Deshalb werde ich auch in Zukunft noch aktiv in „Bildung“ wirken, zum Beispiel als Gestalter und Auditor.
Wir danken Dr. Jens Kramersmeyer für das Gespräch, seinen jahrzehntelangen Einsatz für technische Bildung und die enge Verbindung zur SLV Halle GmbH. Wir wünschen ihm für seinen Bildungsauftrag weiterhin viel Erfolg.
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