10. Februar 2026 Autor: Lisa-Marie Trothe
Er wurde 1957 in Halle geboren und ist der Schweißmetallurgie über Jahrzehnte verbunden. Im Gespräch blickt Prof. Dr.-Ing. habil. Jochen Schuster auf seinen Weg, seine Forschung und auf das, was bleibt.
Anlässlich seines bevorstehenden Ruhestands haben wir nachgefragt.
War die Schweißtechnik für Sie von Anfang an der geplante Weg?
Prof. Jochen Schuster: Eigentlich nicht. Mein Vater war Musiker im Händelfestspiel Orchester Halle, aber begabt ein Musikinstrument zu spielen, war ich nie. Sein Hobby hat mich dagegen fasziniert. Er hat auf 8-mm-Schmalfilm unseren Alltag und Urlaube dokumentiert, nichts Besonderes, aber für mich spannend. So wollte ich eigentlich Kameratechnik für Film und Fernsehen lernen. Dafür brauchte man damals Beziehungen, Vitamin B. Die hatte meine Familie nicht.
Aber irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem man sich für ein Studium entscheiden musste. 1978 bin ich dann an die Bergakademie Freiberg gegangen und habe mich im Fachbereich Eisenhüttenkunde eingeschrieben, viereinhalb Jahre Direktstudium. Heute heißt das Stahltechnologie und die Bergakademie Freiberg jetzt Technische Universität Bergakademie. Sie ist die älteste montanwissenschaftliche Hochschule der Welt. In Deutschland gibt es dafür nur drei weitere Ausbildungsstätten: Freiberg, Clausthal-Zellerfeld und Aachen.
Was hat Sie fachlich besonders geprägt?
Schon während meiner Studienzeit haben mich nichtrostende Stähle und Rechentechnik interessiert. In Freiberg hatten wir verschiedene Computer US-amerikanischer Hersteller, das war fantastisch. Ich habe mit umgekehrter polnischer Notation gearbeitet, ein mächtiges Werkzeug für statistische Auswertungen. Damit habe ich neuartige Analysen für Versuchsreihen programmiert. Privat stand später ein Atari 800 XL zu Hause, über Computerclubs immer weiter aufgerüstet. Das Produkt kam schließlich aus dem Westen.
Wie kam der Kontakt zum Zentralinstitut für Schweißtechnik, der heutigen SLV Halle, zustande?
In den 1980er Jahren gab es ein landesweites Großforschungsprojekt zur legierungstechnischen Optimierung von nichtrostenden Stählen und damit der Verbesserung ihrer Eigenschaften. Darin waren auch die Bergakademie Freiberg und das ZIS Halle involviert. So habe ich den damaligen Hauptmetallurgen des ZIS, Dr. Eberhard Leinhos, kennengelernt. Er war einer der besten Schweißmetallurgen, die ich in meinem Leben kennen lernen durfte. Das hat mich zurück in die Heimat gebracht. Außerdem war das ZIS international hoch angesehen und in der DDR legendär.
Voraussetzung für den Einstieg in das Zentralinstitut für Schweißtechnik war allerdings eine Promotion. Das war Prof. Gildes Bedingung. Also habe ich drei Jahre in Form eines sogenannten Forschungsstudiums drangehängt und meine Dissertation zur Gefügestabilität nichtrostender austenitischer Stähle an der Bergakademie Freiberg geschrieben.
Von 1986 bis 1991 war ich am ZIS angestellt. Nach der Wende begann es im „Osten“ wirtschaftlich sehr unsicher zu werden. Das galt auch für das ZIS in Halle. So wurde ich zeitweise an die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin „ausgeborgt“. Ermöglicht hatte das Herr Oberregierungsrat Klaus Wilken. Er zählt ebenfalls zu den wichtigsten Persönlichkeiten, die meinen weiteren fachlichen Lebensweg bestimmt haben. Er ist auch heute noch eines meiner größten Vorbilder. Die Beschäftigung bei der BAM war vertraglich auf anderthalb Jahre begrenzt. Im Sommer 1993 kehrte ich nach Halle zurück und war seitdem für die Schweißmetallurgie in der SLV verantwortlich. Zum Glück ging es dem Unternehmen wirtschaftlich wieder besser, was vor allem auf Prof. Steffen Keitels Hartnäckigkeit und fachlichen Weitblick zurückzuführen war.
Wie sah Ihr Aufgabenfeld in all den Jahren konkret aus?
Sehr vielfältig: Schweißmetallurgische Forschung und Entwicklung, metallographische und analytische Untersuchungen, Schweißeignung von Altstählen, Schadensfallbewertungen, Gutachtertätigkeit auch im Gerichtsauftrag. Dazu Lehrtätigkeit in SFM- und SFI-Lehrgängen nach IIW und EWF. Das war eine schöne Abwechslung aus Praxis, Forschung und Lehre.
Ich denke, dass ich zusammen mit meinen Fachkollegen, insbesondere Christoph Gajda, die SLV Halle GmbH zu einer der führenden Einrichtungen in Deutschland zur Prüfung und Bewertung der Schweißeignung sogenannter Altstähle entwickelt habe. Unser gesammeltes Wissen haben wir vor kurzem in einem kleinen Fachbuch veröffentlicht, das bei DVS-Media erhältlich ist.
Nicht zu vergessen ist die schweißmetallurgische Betreuung von innovativen sowie sehr anspruchsvollen Industrieprojekten, die Prof. Keitel „an Land gezogen“ hatte und eine interdisziplinäre Bearbeitung erforderten.
Was hat Ihnen dabei am meisten Freude bereitet?
Ganz klar die Lehrtätigkeit. Besonders die Ingenieur- und Schweißfachmannlehrgänge. Die Teilnehmenden sind in der Regel hoch motiviert und saugen, wie ein trockener Schwamm, alles neue Wissen auf. Das ist für beide Seiten bereichernd. Deshalb werde ich auch im Ruhestand noch das eine oder andere Mal an die SLV Halle zurückkommen und mit Freude mein Wissen weitergeben.
Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Laser2000 und die Fertigung von Großrohren mittels dem Laserstrahlschweißen direkt im Produktionsbereich eines Rohrherstellers. Das war spannende anwendungsorientierte Forschung mit Realdemonstratoren. Am Ende entstanden u. a. marktreife Musterrohre, die sogar von einem Ferngasrohrleitungsbetreiber probeweise verbaut wurden.
Sie haben über vier Jahrzehnte Metallurgie erlebt. Was hat sich wirklich verändert?
Die metallurgischen Verfahren und Standardwerkstoffe sind im Kern gleichgeblieben. Nur die Technik dahinter ist moderner geworden. In der Metallographie wurden zu Beginn meiner Tätigkeit alle Gefügebilder mittels klassischer Fototechnik unter Verwendung von fotografischen Glasplatten in schwarz-weiß aufgenommen. Heute erfolgt sowas digital mit spezieller Software und kann beliebig oft – auch in Farbe – ausgedruckt werden. Insbesondere die Widergabe von Farbätzungen war früher eine echte Herausforderung. Die Bestimmung der chemischen Zusammensetzung von Metallen und Legierungen erfolgte noch vor 40 Jahren fast ausschließlich nasschemisch und erforderte speziell ausgebildete Chemielaboranten. Heute verfügen wir dafür über moderne Emissionsspektrometer, die sogar in der Lage sind, den Analysenwerten Stähle zuzuordnen. Das ehemalige Chemielabor des ZIS ist heute ein Teil des Konferenzraums „Gilde“.
Sie gelten als nahbarer Dozent, auch über die SLV Halle hinaus. Woher kommt das?
Ich habe immer versucht Theorie und Praxis miteinander zu vereinen. Das ist vor allem in der Metallurgie wichtig, da sich viele reale Phänomene beim Schweißen, theoretisch leicht erklären lassen. So habe ich im Jahr 2004 an der TU-Chemnitz zum Thema Heißrisse habilitiert. Seit 2009 bin ich Lehrbeauftragter an der Hochschule Anhalt und 2014 zum Honorarprofessor für allgemeine und spezielle Schweißmetallurgie berufen worden. Wichtig ist, dass man den Lernenden immer auf Augenhöhe begegnet und – ganz wichtig – sich bei aller fachlicher Korrektheit selbst nicht zu ernst nimmt. Dazu kamen eine Vielzahl von Fachartikeln, verschiedene Fachbücher und ein bisschen Satire.
Satire in der Schweißtechnik?
In der Zeitschrift „Der Praktiker“ habe ich mehrere Jahre über echte Schadensfälle berichtet. Natürlich ohne den realen Schaden zu benennen. Die Betroffenen wären darüber nicht so begeistert gewesen. Aus diesem Grund hatte ich ein fiktives „Unternehmen“ erfunden, dem all die schlimmen Dinge, fachlich-werkstofftechnisches Unwissen und schweißtechnische Inkompetenz in die „Schuhe geschoben“ werden konnte: die Friedhelm Fuschmann GmbH & Co. KG – Fachbetrieb für die Verarbeitung von Edelstahl und VA. Mit einem Augenzwinkern beinhalteten diese Fachartikel eine stark verfremdete Geschichte dieser Schäden und wie diese behoben werden konnten – oder auch nicht. Natürlich wurden die veröffentlichten Bilder der Schäden immer mit den Auftraggebern abgestimmt, so dass niemand kompromittiert wurde. Die insgesamt zehn Kurzgeschichten und einiges mehr kann man auch gebündelt in einem kleinen Büchlein bei DVS-Media nachlesen.
Zum Abschluss Ihrer Tätigkeit halten Sie noch einmal einen besonderen Vortrag. Worum geht es?
Mein erster großer Beitrag im Jahr 1987 für die wissenschaftlich-technische Zeitschrift „ZIS-Mitteilungen“ beschäftigte sich mit historischen und modernen Damaszener Stählen. So war jede Fachgruppe des ZIS pro Jahr für ein Heft verantwortlich. Im Folgejahr wollte ich an dem Erfolg anknüpfen und einen Artikel schreiben, der wieder Fachliches und Historisches vereinigte. Das Thema war Nieten und Feuerschweißen, ich wollte etwas „Exotisches“.
Durch eine damalige Fernsehsendung inspiriert, stellte ich mir folgende Frage: Wie wurden die geheimnisumwitterten Keuschheitsgürtel während ihrer Fertigung durch Schmiede gefügt? Irgendwie mussten die einzelnen Bestandteile unlösbar miteinander verbunden worden sein. Die Recherche dafür war aufwendig. Durch viele Anfragen bei Museen, Sammlungen und Archiven bin ich dann auf das Schlossmuseum in Gotha gestoßen. Auf Einladung der dortigen Mitarbeiter durfte ich mir sogar ein originales Exemplar vor Ort ansehen.
Auch die Literaturstudie dafür war abenteuerlich. Da es sich bei einem solchen Teil um einen Gegenstand der Sittengeschichte handelt, war die darüber veröffentlichte westliche Fachliteratur in der DDR nicht frei zugänglich und ein sogenannter „Giftschein“ erforderlich, um in der Universitätsbibliothek Halle Zugang zu einem speziellen, für die Öffentlichkeit gesperrten Raum zu erhalten. Diesen stellte mir die langjährige ZIS-Bibliothekarin Christa Schkölziger, gern aus.
Der Beitrag wurde jedoch von der Redaktionskommision der „ZIS-Mitteilungen“ abgelehnt. Er erschien einigen älteren Kollegen als zu heikel. Letztendlich hat 1992 das Magazin „metallbau“ den Artikel mit großem Erfolg veröffentlicht.
Und genau darum geht bzw. ging es in meinem letzten Vortrag an der SLV Halle. Natürlich hat sich auch hier die Werkstoff- und Fügetechnik stark verändert und große Fortschritte gemacht.
Wie blicken Sie auf die Zukunft der Metallurgie an der SLV Halle?
Sehr entspannt. Ich habe vor einem Jahr die Leitung des Fachbereichs Schweißmetallurgie an meinen Kollegen Torsten Kokot übergeben. Natürlich können er und meine ehemaligen Fachkollegen in der Abteilung Werkstofftechnik der SLV Halle bei Bedarf auf meine Erfahrung zurückgreifen. Doch mein neuer Lebensmittelpunkt wird sich zu meiner Frau nach Südostasien verlagern.
Wir danken Ihnen für viele Jahre fachlicher Präzision, Neugier und Haltung. Für den neuen Lebensabschnitt wünschen wir Ihnen alles Gute und freuen uns auf jedes Wiedersehen in Halle.
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